Ausstellungseröffnung und Podiumsdiskussion im GBE
„Dieser Abend ist der Geschichte und den Geschichten russlanddeutscher Zuwanderer gewidmet“ leitete Schulleiter Christian Rinné am Freitag, 23.09.26 die Eröffnung der Ausstellung über die Integration der Aussiedler ein, die von „intrinsisch motivierten Schülerinnen und Schülern über den Zeitraum von zwei Jahren in einer AG“ erarbeitet worden ist. Karla Pöhmann, die zusammen mit André Gäde die Arbeitsgemeinschaft geleitet hatte, knüpfte an die Begrüßung des Schulleiters an, indem sie einen persönlichen Einstieg wählte, um die Zeit, in der bereits viele Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion das Wittlager Land erreicht hatten, zu beschreiben. So erläuterte sie, dass sie an die 90er Jahre durchaus zwiespältige Erinnerungen habe, einerseits erfreut über die Entspannung zwischen Ost und West, andererseits „entsetzt über brennende Asylbewerberheime oder die Verunglimpfung der Russlanddeutschen als Sozialschmarotzer“. Spontanen Applaus bekam Gäde daraufhin, als er ein Teilergebnis der zweijährigen AG-Zeit auf den Punkt brachte: Integration ist nicht Auslöschen von Unterschieden, sondern die Bereitschaft, voneinander zu lernen.“

Ob und wie das im Wittlager Land bei der Integration der Aussiedler gelingen konnte, konnten sich die Gäste des Abends zunächst in einer aufwändig aufbereiteten Ausstellung der AG-Ergebnisse ansehen, die sich über sieben Klassenräume erstreckte. In Form von Interviews, statistischen Übersichten und Erklärungen an x Stellwänden aufbereitet und präsentiert „dürfen wir uns“, so Schulleiter Rinné, „auf eine spannende und informative Veranstaltung freuen“.
Beim Rundgang durch die Ausstellung konnte man sowohl Menschen aus der erweiterten Schulgemeinschaft begegnen, die Aha-Effekte erlebten, beispielsweise wenn sich beim Blick auf die ausgewerteten Statistiken zeigt, dass die Kriminalität objektiv mit dem Zuzug der Aussiedler gar nicht gestiegen war, obwohl diese Einschätzung in den 90er Jahren aus Vorwand für Ressentiments gegen die neuen Mitbürger genutzt worden war. An anderer Stelle war die Fragen zu hören: „Seid ihr auch zuerst im Lager in Bramsche gewesen?“ So entwickelte sich vor den Plakatwänden über Organisation und Ankunft der 2,9 Millionen Menschen ein Gespräche über die persönliche Geschichte der Aussiedlung. Die Arbeit der AG hatte aber noch deutlich früher angesetzt, indem schon die Anwerbung von Auswanderern durch „Katharina die Große“ aus dem heutigen deutschen Staatsgebiet thematisiert und der Bogen bis zur heutigen Situation der Enkel der Aussiedler geschlagen wurde.
Vor dem Hintergrund der Ausstellung kamen die Gäste schließlich im sehr gut gefüllten Forum des GBE zur Podiumsdiskussion mit den folgenden Referenten zusammen: Kornelius Ens (Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold), Ina Gneiding (TuS Bad Essen), Werner Hülsmann (Landkreis Osnabrück), Prof. Dr. Jochen Oltmer (Universität Osnabrück), Viktoria Freifrau von dem Bussche (Bad Essen), Alexander Wagenleitner (Mitglied des Kreistages, Ostercappeln). Michael Clasen von der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) leitete die Podiumsdiskussion, in der es sowohl um persönliche Erfahrungen von Familien russlanddeutscher Aussiedler und ihren Unterstützern im Wittlager Land als auch um wissenschaftliche Einordnungen ging.

Dabei ging es um begriffliche Ausschärfungen, so wurde festgehalten dass der von vielen verwendete Begriff „Russlanddeutsche“ eigentlich zu pauschal sei, da die darin enthaltene Verallgemeinerung den individuellen Erfahrungen und Familiengeschichten, um die sich auch die Ausstellung bemüht, gar nicht gerecht werden könne. Alexander Wagenleitner, der als heutiger Kreistagsabgeordneter von einer erfolgreichen Integration zu berichten wusste, konnte davon erzählen, dass die klare Haltung seines Vaters, „Wir sind Deutsche!“, schon als Kind geholfen habe. Das verhindere aber nicht, dass das Leben seiner Familie in Russland auch zu seiner Identität gehöre. „Ich bin sehr gut in Deutschland angekommen“, konnte auch Ina Gneiding als Kind von Aussiedlern feststellen und ergänzte, dass es für sie hilfreich gewesen sei, dass zuhause immer Deutsch gesprochen worden sei. Die negative Erfahrung, die auch in den Ergebnissen der AG-Arbeit eine Rolle spielte, „in Russland Deutsche und hier Russen zu sein“, wie Moderator Clasen wissen wollte, konnten diese Podiumsteilnehmer*innen nicht bestätigen. Für Freifrau von dem Bussche waren dies positive Beispiele exemplarisch für das Wittlager Land. Intensiv hatte sie sich Anfang der 90er Jahre für die Aufnahme und Integration der Russlanddeutschen eingesetzt: Allerdings habe für sie immer der Leitsatz „Identität vor Integration“ gegolten, weshalb sie sich unter anderem über den Verein „Echo“ für die freie Wohnortwahl und das Verständnis der heimischen Bevölkerung eingesetzt hatte. Kurz vor Ende der Diskussionsrunde sorgte dann noch ein Einwand aus dem Publikum für eine kritische Betrachtung des Intergrationserfolgs. So seien die christlichen, freikirchlichen Gemeinden, teils mennonitischer Prägung im Wittlager Land ein Widerspruch zur Erzählung der erfolgreichen Integration, da hier viele Russlanddeutsche unter sich blieben und diese Abgrenzung auch durch politische Radikalisierung spürbar sei. Oltmer konnte auf theoretischer Ebene unterstützen, dass, wenn man statt von Integration von Teilhabe spreche, eine vollständige Teilhabe im ökonomischen Bereich durchaus mit einer nicht vorhandenen Teilhabe in anderen gesellschaftlichen Bereichen einhergehen könne.
Im Podium mochte niemand die aufkommende politische Diskussion befeuern, sondern es wurde, beispielsweise von Seiten des ehemaligen Migrationsbeauftragten des Landkreises eher für gegenseitiges Verständnis und Respekt in der Kommunikation geworben. Kornelius Ens jedoch, der selbst einen mennonitischen Hintergrund mitbringt, betonte dennoch in seinem abschließendes Statement, dass sich gerade mennonitische Stimmen stärker um „eine gute Mitte“ bemühen sollten, wie es das biblische Buch Kohelet nahelege, und damit gegen politische, radikalere Ränder Position beziehen müssten. Im Sinne der gegenseitigen Verständigung, zu der die Ausstellung einen Beitrag leisten will, forderte Oltmer bereits eingangs, die Ausstellungsmacher lobend: „Diese Ausstellung, dieses Wissen muss auch anderen zugänglich gemacht werden. “ Zur Frage, wie dies gelingen kann, gab es bereits am Abend erste Ideen und Planungsansätze.







